Schöne deutsche Heimat


       Julia Volkert

 

 

Ich hasse Weihnachten. Wegen mir könnte es aus dem Kalender gestrichen werden. Früher, da habe ich es geliebt, den Geruch von Räuchermännchen, Kerzenschein, mit allem Drum und Dran.
Ich habe jede einzelne Kerze im Haus angezündet vorausgesetzt, ich war allein und habe mich dann still auf den Boden gesetzt und gestaunt. Das flackernde Licht der Pyramiden, die sich drehten, hat mich verzaubert. Der Duft der Zimtkerzen hat mich umhüllt wie eine dicke, warme Decke aus Geborgenheit. Aber diese Decke fehlt jetzt, und das alles nur wegen meiner Mutter. Wenn ich jetzt zu Hause bin, ist alles falsch. Die Kerzen sind zwar da und die Räuchermännchen auch, aber sie sind am falschen Ort. Sie sind eben nicht zu Hause, sie sind zwar dort, wo ich lebe, aber nicht, wo ich mich an Weihnachten zu Hause fühle, bei meinem Vater. Früher war es dort so schön, Schwibbögen auf den Fensterbrettern, Lichterketten an den Fenstern, Adventskränze auf den Tischen, das alles ist einer tristen Deko mit nur wenig Licht gewichen.
Ich vermisse mein Zuhause, ich vermisse die Geborgenheit.
Man sagt, Weihnachten sei die Zeit der Familie und der Liebe, aber was, wenn es diese Familie nicht mehr gibt, wenn sie zersplittert ist? Gibt es dann noch Liebe?
Ich habe kein Zuhause mehr. Ihr habt es nicht mehr ausgehalten und mich und meinen Bruder auseinandergerissen. Jeden Tag vermisse ich etwas. Ich kann nicht sagen, was es ist. Ich weiß nur, dass es fehlt und dass ich ohne es kaum leben kann.
Papa, du bist so unglücklich. Ich sehe es jedes Mal, während ich bei dir bin. Wenn wir alleine sind, kannst du nicht lächeln, nicht unbesorgt sein. Das macht mir Angst. Du musst wieder lächeln!
Mama, du bist so glücklich mit deinem neuen Mann, deiner neuen Familie. Und wenn ich bei dir bin, denke ich auch, dass ich glücklich bin, aber im Hinterkopf ganz tief versteckt ist da Papa, den ich nicht vergessen kann, Papa, der so unglücklich ist und bei dem ich es auch immer bin.
Ich kann sie nicht abstellen, die Schuldgefühle, die mich zerfressen, sobald ich an ihn denke. Ich bin ja fast nie bei ihm und wenn, ist alles immer so steif. Es ist nicht mehr so wie früher. Und die Gedanken daran verschwinden einfach nicht. Kann mir jemand sagen, wie sich das alles abstellen lässt, bis man einfach nichts mehr fühlt? Ich kann mich nicht mehr geborgen und in Sicherheit fühlen, weil immer irgendetwas ist! Aber macht Sicherheit nicht gerade ein Zuhause aus?!
Außerdem vermisse ich meinen großen Bruder, der mich früher immer „Julchen“ genannt hat so wie mein Papa , meinen Bruder, der mich vor den großen, bösen Jungs beschützt hat. Der mich, ohne Rücksicht auf Verluste, ausgekitzelt hat, bis ich keine Luft mehr bekam. Wo ist dieser Junge hin? Ich sehe ihn nicht mehr. Er ist verschwunden. Kann mir irgendjemand sagen, wie ich ohne meinen großen Bruder leben soll?!
Der einzige Lichtblick, das ist mein kleiner Bruder. Wenn er lächelt, strahlt die ganze Welt!
Wenn er über den Boden krabbelt und munter vor sich hin brabbelt, dann denke ich nur an ihn, dass er noch sein ganzes Leben vor sich hat. Dann bin ich glücklich. Dann bin ich zu Hause, in Sicherheit.