Wolfgang Rüb

 geboren:

16.5.1952

 Adresse:

Schulstraße 2     06632 Gröst

 Telefon:

034633 / 228 92   Fax: 034633 / 228 85

 E-Mail:

Wolfgang.Rueb@t-online.de

 

Biografie:

1938 bis 1968 Polytechnische Oberschule. 1968 bis 1972 Studium am Institut für Lehrerbildung Weißenfels (Wahlfach Musik). 1972 bis 1985 Lehrer, seit 1986 Klavierlehrer an der Kreismusikschule Weißenfels.

Bibliografie:

Konzert für Stubenfliege und Orchester, Roman, 2001, Leipzig, Reclam

Beteiligung an Anthologien:

Ort der Augen, 1998, Magdeburg

Arbeitsgebiete:

Roman, Erzählung, Satire

Themenangebote:

Lesungen für Erwachsene, speziell für Leute mit Sinn für Humor

Textprobe:

Seit meine Frau ein kurzes und ein langes Bein hat, ist sie eben stärker auf ihre Schuhe konzentriert. Sie sagt, sie muss immer zuerst nach unten gucken, und da ist ihr aufgefallen, dass die anderen Frauen immer schönere Schuhe haben als sie. Und nun kauft sie sich ständig neue. Weil aber durch die Operationen auch noch der eine Fuß dicker als der andere geworden ist, braucht sie von jedem neuen Schuh immer gleich zwei Paar. Links trägt sie die 36, rechts die 38, und also bleiben jedesmal zwei Schuhe übrig, links die 38, rechts die 36, und ihre Krankenkasse denkt überhaupt nicht daran, sich an den Kosten auch nur zu beteiligen. Aber orthopädische will meine Frau nicht, lieber wackelt sie leicht beim Gehen.
Es hat bei mir dann auch angefangen, dass ich an Menschen auf einmal die Schuhe sah, sogar bei hübschen Frauen, da wäre ich doch früher nie bis ganz runter gekommen.
Und ich kann sagen, dass meine Frau sich neuerdings auch mehr fürs Heizen interessiert. Bei mir war es schon immer so etwas wie ein Hobby gewesen. Was ist der Mensch ohne gelegentlichen Blick in die Flammen! Leute mit Öl und Gas wissen doch gar nicht, auf was sie verzichten! Alles habe ich immer schon auf seinen Heizwert hin angesehen. Ich kann sagen, dass ich mit offeneren Augen als andere durch unsere Welt gegangen bin. Ich kann garantieren, mehr tote Äste als irgend jemand sonst gesehen zu haben. In Wäldern war es manchmal kaum auszuhalten. Und nun die vielen unnützen Schuhe im Haus, von denen man ganz einfach verlangen musste, dass von ihnen noch mal was Positives ausging.
Meine Frau hat fast geheult, bereits auf meine leichten Andeutungen hin. Ich sage, sie kann ja eine Frau suchen, die rechts die 36 und links die 38 trägt. Das sollte zwar ein Scherz sein, aber so gut sie ist, hat sie sofort an die vielen Unglücklichen gedacht, die nur ein einziges Bein haben. Überall in der Nachbarschaft haben wir rumgefragt, ob jemand welche kennt, uns ist aber nur eine einzige vermittelt worden, allerdings mit einem völlig anderen Geschmack und einer linken 38, die wir selbst brauchen. Durchblutungsstörungen und Zucker. Sie wusste auch gar nicht, wie lange sie das Bein noch würde behalten können.
Dann kam also doch der Tag. Das erste Mal, dass ich gleichzeitig froh und traurig wurde beim Heizen. Es war wie im Film. Wir fassten uns an den Händen und schauten gemeinsam ins Loch. Meiner Frau standen die Tränen in den Augen. Sie hielt emotional nur das erste ungleiche Paar durch. Vielleicht wollte sie aber auch in der starken Stimmung bleiben. Es nutzt sich heute alles ja so schnell ab. Also sie ging und legte sich hin, und ich, beim Blick in dieses Flammenmeer merkte auf einmal, wie es auch meinen Geist mit entfachte.

Aus: „Freier Unternehmer“

Wenn jetzt jemand stirbt, heißt es: „Und das vorm Fest!“ Die Weihnachtszeit herrscht. Und zwar erbarmungslos. In manchen Wohnzimmern steht ab erstem Dezember die Tanne in voller Montur. Der Dauerton eines ganzen Jahres will in Weihnachtsgesänge münden. Hinter üppigster Gardinengotik werden altmeisterliche Stillleben ausgerichtet. Und wie soll man das aushalten, wie sie ihr Weihnachten sogar in die Fenster stellen! Gesägte Lampenbögen, aus Gebirgen ehemals ärmster Weihnachtshysteriker übers ganze Land gesät, wollen nach draußen rufen: „Hier, hinter diesen Scheiben, herrscht alter Frieden! Hier ist mit vierstimmigem Gesang zu rechnen!“
Im Nachbarfenster baut sich in drei Schritten eine Supernova auf und fängt von vorn an und wird damit erst im Frühling wieder enden. Elektrisch getriebene Tannen vor Eigenheimen summen dir zu: „Wenn es im Vorgarten schon so gemütlich ist, wie sitzen dann erst unsere Lieben in heißen Winterstuben! Kachelofen, Kerzenlicht, die Weihnachtsplatte liegt auf ...“
An jeder Ecke lauern Leute gut gelaunten Gewissens, um dir Tritte ins Gemüt zu versetzen, und alle, mit denen ein paar Worte zu wechseln Wilfried Morgenschweiß gezwungen ist, sagen: „Hoffentlich schneit es noch ein bisschen bis zum Fest!“, denn zu Weihnachten müssen die Straßen und Felder mitblitzen mit ihren Wohnungen und den Kinderaugen, da muss alles porentief weiß sein, damit es ihre innere Reinheit nicht beleidigt.

Aus: „Stubenfliege und Orchester“