Schöne deutsche Heimat - Bitterfeld / Die Mühle in Halle-Böllberg


       Christina Seidel

Schöne deutsche Heimat

Schön? Muss Heimat schön sein?
Sie sind unscheinbar und vermutlich kennen nur noch alte Böllberger oder Heimatfreunde ihre Bedeutung. Die drei Grabsteine dicht beim Seniorenheim und der vierspurigen Straße in Halle, die nach Wörmlitz und weiter zur Silberhöhe führt. Sie sind auch kein Kunstwerk, das besondere Beachtung finden müsste, wie der Eselsbrunnen oder die Figuren am Kurt-Wabbel-Stadion (heute „Erdgas-Sportpark“), an denen ich oft vorbeifahre. Aber meist in Eile und mit dem Rad. In meiner Kindheit jedoch bummelte ich auf dem täglichen Rückweg von der Schule an den drei Steinen vorbei. Damals stand hinter ihnen ein großer Schaukasten mit 18 Strophen einer Volksballade, deren erste bereits Schauerliches erahnen ließ. Sooft im bleichen Mondenschein ich dort vorübergeh, durchdringt ein Schauer mein Gebein, wenn ich die Steine seh.
Mitunter schien in der kalten Jahreszeit wirklich noch der Mond, wenn ich morgens auf dem Weg zur Schule eine kleine „Schlippe“ dicht neben Gärten und Saalegrundstücken entlanglief. An den Steinen ging ich in meiner Erinnerung immer etwas schneller vorbei. Nur auf dem Rückweg verweilte ich, las das Gedicht, bis ich es irgendwann einmal auswendig wusste. Bildhafte Vorstellungen besitzen Kinder wohl ausgeprägter als Erwachsene. Ich sah die drei Müllerburschen und die schöne Müllerin, die verspricht, den einzustellen und vielleicht sogar zum Ehemann zu nehmen, der mit dem Beile scharf gewetzt/am besten zimmern kann. Zum Zimmern kommt es nicht, aber schließlich zum Kampf mit ihren Äxten. Alles Flehen der Müllerin um Versöhnung hilft nicht. Der eine fällt, bald decken zwei das blutbefleckte Land ... Des Mordes sich bewußt, bohrt sich der dritte reuevoll das Messer in die Brust.
Und das alles dicht beim schönen hellen Saalestrand, meiner Heimat.
Die Müllerin zerrauft sich ihr blondes Lockenhaar und nur das Kloster bleibt zur Sühne.
Zwei Lehren zog ich als Zehnjährige aus dieser Moritat:
Ins Kloster wollte ich später nicht gehen, und töten sollte man sich auch nicht wegen mir. Sicher ist, dass ich damals bestimmt noch nicht beschloss, mein ganzes Leben in Halle an der damals schmutzigen Saale zu verbringen, dicht bei der Mühle.

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